Reliefverzierte Steinzeugkanne
Im Oktober des Jahres 1981 kam bei Bauarbeiten in der Görlitzer Hugo-Keller-Straße ein bedeutsamer Fund ans Tageslicht: Ein aus Feldsteinen gesetzter Brunnen. Lange vergessen, war er bis zum Rand mit Scherben unter anderem von wertvollen Trink- und Schenkgefäßen, bemalten Tellern, figürlich verzierten Ofenkacheln sowie gläsernen Weinkelchen gefüllt – der Hausstand einer Görlitzer Patrizierfamilie aus der Zeit um 1600. Daneben finden sich auch einfache Haushaltskeramik, technische Keramik wie Schmelztiegel mit dreieckiger Mündung unterschiedlicher Größe und sogar Destillierhelme. Knochen und Muscheln gelangten wohl als Schlacht- und Küchenabfall in die Verfüllung. Aus dem Umfeld von Handwerkern liegen Produktionsabfälle der Knopfherstellung sowie der Zunftring eines Schmiedes mit Handwerkinsignien und dem Monogramm CVL vor.
Vergleicht man den Fund mit anderen reichen Ensembles aus Dresden, Freiberg, Leipzig oder Zwickau wird deutlich, dass in Görlitz in besonderem Maße qualitätvolle Keramiken in den Boden gelangten, die andernorts bestenfalls als Einzelstücke überliefert wurden. Diese Tatsache sowie die übereinstimmende Datierung der Gegenstände in die Zeit um 1600 lassen als Hintergrund an eine Katastrophe denken, von der mehrere Bürgerhaushalte betroffen wurden und in deren Folge man den entstandenen Bruch in einem Zuge im Brunnen entsorgte. Im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges belagerten am 30. Oktober 1633 kaiserliche Truppen die Stadt. Dabei wurde durch Kanonenbeschuss im Bereich der nordwestlichen Stadtmauer eine Bresche geschlagen. Viele Häuser sollen verwüstet worden sein. Erneut wurde dieser besonders gefährdete Abschnitt der Stadtbefestigung im Zuge der Belagerung des Sommers 1641 niedergelegt. Spätestens jetzt wurden die unmittelbar hinter dem Durchbruch stehenden Bürgerhäuser zwischen Jüdenring und Langenstraße erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Möglicherweise wurden die Fundstücke also im Verlauf der Beschießung von 1641 oder im Zuge darauf folgender Plünderungen durch die kaiserlichen Truppen zerstört und standen bis dahin in der Küche einer wohlhabenden Görlitzer Familie.
Unter den Funden befand sich auch eine mit vielfältigen Reliefauflagen verzierte wertvolle Tüllenkanne aus Steinzeug mit Salzglasur, die vermutlich aus einer Töpferei in Muskau oder Trebel/Trzebiel stammt. Der Töpfer, ein gewisser Jacob Scholtz, hat sich mit dem Herstellungsjahr 1607 auf dem Gefäß selbst namentlich verewigt. Solche luxuriösen Tüllenkannen dienten als repräsentative Schankgefäße für Wein oder Bier. Der übermäßige Alkoholgenuss war in dieser Zeit in höheren Kreisen und auch am Hof des sächsischen Kurfürsten Johann Georg I. weit verbreitet. So vermerkte ein schwedischer Gesandter 1630: „Es wäre ein Wunder, wenn dieser Kurfürst sich einmal aus der Trunkenheit aufraffen könnte.”
Die bei Tüllenkannen üblichen Zinndeckel zum Verschließen der Ausgusstülle und der Mündung wurden an unserem Stück offenbar vor seiner Entsorgung im Brunnen entfernt. Das reiche Reliefdekor zeigt unterschiedliche, meist biblische Motive. Wir sehen unter anderem die Darstellungen von Christus am Kreuz sowie Adam und Eva unter dem Baum der Erkenntnis.
Die hochwertigen Keramiken aus dem Brunnenfund stehen derzeit im Mittelpunkt eines mit Hilfe der ARGE Görlitz durchgeführten Restaurierungsprojektes. Ausgewählte Keramiken sollen zukünftig in zeitgleicher Umgebung im Biblischen Haus Neißstraße 29 ausgestellt werden.

