“Anbetung Christi durch die Engel”
Hohe kunsthistorische Bedeutung eines Werkes im Kulturhistorischen Museum entdeckt
Auf Stroh gebettet liegt das neugeborene, nackte Christkind in der Wiege. Seine Mutter Maria ist in ehrfürchtiger Anbetung vor ihm auf die Knie gesunken. Hinter ihr erscheinen Joseph und zehn Engel, die sich dem Kind zuwenden und die arma christi – die Leidenswerkzeuge präsentieren. Sie verweisen auf die Passion, die der eben geborene Heiland später erfahren soll. Dies alles erzählt ein Reliefbild aus dem Bestand des Kulturhistorischen Museums. In meisterhafter Weise wurde es aus einer dünnen Kupferplatte getrieben und mit einem Silberüberzug versehen.
Schon seit über einhundert Jahren gehört das Relief zu den Sammlungen des Görlitzer Museums. Seine überregionale Bedeutung wurde jedoch erst jüngst durch kunsthistorische Recherchen erkannt. Ein kleines Monogramm „Z L” am unteren Rand der Darstellung führte dabei auf die Spur des Augsburger Goldschmieds Zacharias Lencker, der das Relief gefertigt hat. Lencker zählte zu den renommiertesten süddeutschen Goldschmieden der Zeit um 1600 und war für verschiedene europäische Fürstenhöfe tätig. Für Herzog Philipp II. von Pommern schuf er den einst berühmten, 1944 jedoch größtenteils zerstörten Silberaltar von Rügenwalde (Darłowo).
Ein weiteres Hauptwerk Lenckers befindet sich heute im Kunsthistorischen Museum Wien. Bei diesem handelt es sich um eine identische, auf 1609 datierte Wiederholung des Görlitzer Reliefs. Während die Wiener Tafel wohl für die Prager Kunstkammer Kaiser Rudolfs II. – zu ihrer Zeit die bedeutendste Kunstsammlung Europas – angefertigt wurde, stammt ihr Görlitzer Gegenstück aus dem Zisterzienserinnenkloster St. Marienstern. In den Jahrzehnten um 1600 pflegten die dortigen Nonnen einen ganz exklusiven Geschmack, der sich in zahlreichen, noch heute im Kloster aufbewahrten Werken widerspiegelt.
Im ausgehenden 19. Jahrhundert erwarb der Bautzener Kunstsammler Wilhelm Fröhlich das Relief in Marienstern. Gemeinsam mit dessen gesamter Sammlung gelangte es 1903 als Schenkung des bedeutenden Mäzens Martin Ephraim ins Görlitzer Museum. Hier wird es nach der bevorstehenden Sanierung des Barockhauses Neißstraße 30 ein Höhepunkt der Kunstkammer sein, einer neuen Dauerausstellung, die den angewandten Künsten des 17. und 18. Jahrhunderts gewidmet sein wird.

