Der Engel und die Muttergottes

Zur Geschichte eines steinernen Kunstwerks aus dem mittelalterlichen Görlitz

Reliefstein mit der Darstellung der Verkündigung an Maria,
aus dem Görlitzer Jakobsspital, 
2.  Hälfte 15. Jahrhundert,
Durchmesser 57 cm

Das Kulturhistorische Museum bewahrt ein spätgotisches Relief, das die Darstellung der Verkündigung des Erzengels Gabriel an Maria zeigt. Der Engel tritt an Maria heran, die vor einem Betpult kniet, um ihr die Botschaft zu überbringen, dass sie auserwählt wurde, Gottessohn zur Welt zu bringen. Ein Schriftband deutet die Worte des Engels im Bild an. Das Relief, das einen Durchmesser von 57 cm aufweist und aus einem Sandsteinblock gearbeitet wurde, ist in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts als Werk eines unbekannten Görlitzer Bildhauers entstanden. Er schilderte die Szene in einer lebhaften Komposition, für die der Bildhauer die Rundform des Steins elegant für die Gestaltung der Engelsflügel und auch des Gewandes der Maria zu nutzen verstand.

Bereits vor mehr als 125 Jahren gelangte das Verkündigungsrelief ins Görlitzer Museum. 1882 übergab der Magistrat das „Medaillon in Sandstein mit einer Sculptur in Hochrelief, die Verkündigung Mariae darstellend“ an das damals noch junge „Museum für Alterthum und Kunst“. Seit dem frühen 20. Jahrhundert war es im Kaiser-Friedrich-Museum zu sehen, dessen Dauerausstellungen im Neubau der Oberlausitzer Gedenkhalle untergebracht waren. Von dort gelangte das Relief während des Zweiten Weltkriegs in den Kaisertrutz, wo es vermutlich bis in die 1960er Jahre zu sehen war. Danach wurde es im Depot des Museums eingelagert. Nicht nur der Stein selbst, sondern auch seine eigentliche Herkunft sind seitdem in Vergessenheit geraten. Durch Recherchen in alten Museumsakten konnte nun geklärt werden, woher dieses spätgotische Kunstwerk ursprünglich stammt. Im Inventarbuch des Görlitzer Alterthumsmuseums, das glücklicherweise bis heute erhalten ist, findet sich der Vermerk, dass der Stein aus dem abgebrochenen St. Jakobsspital ins Museum überführt wurde. Durch diesen Hinweis bekommt das Relief neben seiner kunsthistorischen Bedeutung auch seinen kulturgeschichtlichen Wert, handelt es sich dabei doch um eines der letzten materiellen Zeugnisse einer schon seit langem verschwundenen Institution der mittelalterlichen Stadt Görlitz.

Das Jakobsspital lag einst südwestlich etwa einen halben Kilometer vor den Toren der Stadt – Jakobs- und Hospitalstraße erinnern noch heute an den ehemaligen Standort. Es gehörte zu den ältesten karitativen Einrichtungen der Stadt. Bereits 1298 fand es Erwähnung als „domus leprosorum“ – als Siechenhaus für Leprakranke. Vielleicht diente es darüber hinaus auch als Herberge für Jakobspilger auf dem Weg nach Santiago de Compostella, die über Görlitz, Zittau und Prag, wo weitere Jakobsspitäler existierten, ihre Reiseroute nahmen. Um 1400 wurde neben dem Spital eine kleine Kirche errichtet, die durch Spenden im Laufe des 15. Jahrhunderts ausgestattet wurde. In diesem Gotteshaus dürfte das Verkündigungsrelief angebracht gewesen sein. Ob es dabei in eine der Seitenwände eingelassen war oder unter einem Schlussstein des Gewölbes hing, ist ungewiss. Für letztere Möglichkeit gibt es sowohl in den Schlusssteinreliefs der Peterskirche als auch in denen der Frauenkirche, die ebenfalls als Hospitalkirche im 15. Jahrhundert errichtet wurde, eindrückliche Vergleichsbeispiele. Über Jahrhunderte erfüllten Jakobshospital und
-kirche ihre Funktionen für die Stadtgemeinschaft. Noch im Jahr 1779 hielt der Görlitzer Zeichner Johann Gottfried Schultz das Gebäudeensemble in einer Federzeichnung fest. Erst die tiefgreifenden Veränderungen bei Sozialfürsorge und Krankenpflege im Zeitalter der Moderne ließen das Hospital überflüssig werden. 1870 wurde es abgebrochen, nachdem der Neubau des städtischen Zentralhospitals errichtet worden war.