Rekonstruierte Gerechtigkeit

Das Gipsmodell der Görlitzer Justitia

Seit Herbst des Jahres 2009 stellt das Kulturhistorische Museum in der Alten Feierhalle des Städtischen Friedhofs bedeutende Skulpturen und Architekturelemente aus Görlitz aus. Unter diesen Objekten, die aus den Depots des Barockhauses stammen, finden sich auch zahlreiche Entdeckungen, die noch nie öffentlich zu sehen waren. Eine solche ist die Figur der Justitia, der Allegorie der Gerechtigkeit, die die Besucher beim Eintritt in den monumentalen Pfeilersaal der Alten Feierhalle begrüßt. Aufmerksamen Ausstellungsbesuchern dürfte das Kunstwerk bekannt vorkommen, handelt es sich doch unverkennbar um die berühmte Justitia von der Görlitzer Rathaustreppe. Doch in der Feierhalle steht eine Gipsplastik, nicht die berühmte Sandsteinfassung.

Was hat es mit dieser Gipsfigur auf sich?
Ab 1943 wurden aus Görlitz zahlreiche Kunstgegenstände ausgelagert. Auch in der Neißestadt fürchtete man alliierte Luftangriffe und beabsichtige, unwiederbringliche Kulturgüter in Sicherheit zu bringen. Neben Gemälden, Grafiken und kunsthandwerklichen Objekten aus dem Kaiser-Friedrich-Museum, Büchern aus der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften, Akten aus dem Ratsarchiv und Ausstattungsstücken aus verschiedenen Görlitzer Kirchen wurde auch die Justitia-Figur von der Rathaustreppe mitsamt der hohen Säule, auf der Figur seit 1591 stand, abgebaut. Man verbrachte sie in ein Schloss östlich der Neiße. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs konnten Figur und Säule jedoch nicht wieder nach Görlitz zurückgebracht werden und galten zunächst als verloren. 1951 gab die Volksrepublik Polen die Säule nach Görlitz zurück, die Figur aber blieb verschollen und ist es noch immer. Denn die Jusititia, die alljährlich von Tausenden Touristen bewundert und fotografiert wird, ist eine Neuschöpfung aus den 1950er Jahren. Von einer Kopie zu sprechen, wäre nicht zutreffend, da das Original der Sandsteinplastik nicht als Vorlage zur Verfügung stand. Vielmehr musste der Dresdener Bildhauer Werner Hempel, der damit beauftragt worden war, eine neue Justitia zu schaffen, auf Vorkriegsfotografien der Figur zurückgreifen. Anhand dieser stellte er zunächst ein Gipsmodell her, das als Diskussionsgrundlage für Denkmalpfleger und Kunsthistoriker diente. Erst als die Fachleute mit der Neuschöpfung zufrieden waren, schuf Hempel nach dem Modell die bekannte Sandsteinausführung. Das Gipsmodell hingegen wurde an die Städtischen Kunstsammlungen übergeben, wo es jahrzehntelang im Depot stand und in Vergessenheit geriet. Im Schaudepot in der Alten Feierhalle ist es nun erstmals wieder zu bewundern und erinnert auf besondere Weise an die denkmalpflegerischen Anstrengung, die in den 1950er Jahren unternommen wurden, um die Spuren des Zweiten Weltkriegs in Görlitz möglichst zu beseitigen.

zur Ausstellung “Bewahrte Zierde”