Die Galerie der Moderne im Kaisertrutz – Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts

Zwischen den Kunstzentren Dresden und Breslau gelegen, ist Görlitz seit mehr als einhundert Jahren ein spannungsreicher Ort für die Künste. Ihnen ist die Galerie der Moderne mit Werken der Malerei, Bildhauerei, Grafik und angewandten Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts gewidmet. Gezeigt werden rund 200 Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern, die in der Neißestadt tätig waren oder ihre Wurzeln hier haben. Gleichzeitig präsentiert die Galerie Referenzwerke überregional bekannter Meister, die für die Kunst in Görlitz und Umgebung wegweisend und bedeutsam sind. Die Ausstellung gibt einen Überblick über die Vielfalt künstlerischer Positionen und Stilrichtungen vom Impressionismus bis zur Gegenwart. Gleichzeitig möchte sie dazu anregen, Personen und Werke der jüngeren Kunstgeschichte aus der Oberlausitz und aus Niederschlesien neu zu entdecken.

Impressionismus und Jugendstil
Mit dem rasanten Wachstum der Stadt um 1900 entwickelte sich auch in Görlitz eine lebendige Kunstszene, die vom neuen Bürgertum als Auftraggeber und Kunstsammler getragen wurde. Unterstützung fand sie in Vereinen, wie dem bereits 1855 in Görlitz gegründeten Kunstverein für die Lausitz. Mit Ausstellungen überregional bedeutender Künstler nahm die Neißestadt Anteil an aktuellen Tendenzen. Für die Malerei war noch die Kunst des späten Impressionismus prägend. Die Dresdener Kunstakademie war zu dieser Zeit der wichtigste Ausbildungsort für Görlitzer Talente. Zeitgleich etablierte sich die neue Richtung des Jugendstils. Wichtige Impulse kamen aus Breslau, wo der Architekt Hans Poelzig die dortige Kunsthochschule reformierte und für neue Ideen öffnete.

Expressionismus in Görlitz
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hielt der Expressionismus binnen kurzer Zeit in Görlitz Einzug. Von den Kriegserfahrungen erschüttert, griff die Kunstszene der Neißestadt die neue Strömung begeistert auf. Anregung gaben die Künstlervereinigung „Die Brücke“ aus Dresden sowie Breslau, wo der Maler Otto Mueller wirkte. Regelmäßig veranstalteten der Kunstverein für die Lausitz und der 1920 gegründete Jacob-Böhme-Bund Ausstellungen expressionistischer Werke. Die Arbeiten der Görlitzer Expressionisten lassen die Einflüsse der Schriften des Theosophen Jacob Böhme und der christlichen Mystik erkennen.

Die Neue Sachlichkeit
In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre entstand die Neue Sachlichkeit als Weiterentwicklung des Expressionismus. Sie griff die Malweise und Kompositionsprinzipien altdeutscher Meister auf und verband sie mit zeitgenössischen Themen. Gesellschaftspolitische Inhalte und symbolisch aufgeladene Bildkompositionen waren prägend für die Malerei der Neuen Sachlichkeit. Und wieder wurden die Städte Dresden und Breslau, in denen Maler wie Otto Dix und Alexander Kanoldt an den Akademien lehrten, zu wichtigen Bezugspunkten für die lokale und regionale Künstlerschaft. So schuf der Görlitzer Maler und Grafiker Arno Henschel bedeutende Werke im Stil der Neuen Sachlichkeit. Auch die angewandten Künste fanden zu neuartigen, auf Funktionalität ausgerichteten Gestaltungslösungen, wie die Entwürfe Wilhelm Wagenfelds für die Vereinigten Lausitzer Glaswerke in Weißwasser und die Arbeiten des in Penzig (Pieńsk) ansässigen Glaskünstlers Richard Süßmuth zeigen.

Landschaftsmalerei der 1920er und 1930er Jahre zwischen den Stilen
Neben dem Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit gab es in den 1920er und 1930er Jahren Künstlerinnen und Künstler in Görlitz, die an den Ausdrucksformen vorangegangener Stilepochen festhielten. Zu ihnen gehörte der Maler Edmund Bautz, der noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts die Bildkultur des späten Impressionismus weiterführte. In den Werken von Otto Engelhardt-Kyffhäuser klang bis in die 1930er Jahre die Malerei der Sezession und des Symbolismus nach. Die Gleichzeitigkeit verschiedener Ausdrucksformen ist ein wesentlicher Aspekt für die Vielfalt der Görlitzer Kunstszene im 20. Jahrhundert.

Johannes Wüsten, sein Kreis und der moderne Kupferstich
„Ist Görlitz eine Kunststadt?“, fragte der Maler, Grafiker und Schriftsteller Johannes Wüsten 1925. Durch seine vielseitige Arbeit trug er selbst dazu bei, dass die hiesige Kunstszene in den Jahren der Weimarer Republik überregional Bedeutung erlangte. Aufgewachsen in Görlitz, sammelte Wüsten in Hamburg künstlerische Erfahrungen. Dort gehörte er zu den Protagonisten des hanseatischen Expressionismus. Nach seiner Rückkehr an die Neiße war er ab 1923 als Künstler und Kunstvermittler tätig. Wüsten erschloss sich die Bildsprache der Neuen Sachlichkeit, gründete eine Fayencemanufaktur und eine Malschule, organisierte zahlreiche Ausstellungen und ein reges Kunstvereinsleben. Unterstützung erhielt er von seiner späteren Frau, der Malerin Dorothea Koeppen, sowie von seinem Bruder Theodor Wüsten.
Zu den Leistungen Johannes Wüstens gehört die Renaissance des Kupferstichs, der seit dem 19. Jahrhundert nahezu in Vergessenheit geraten war. Aus der Klarheit der Linien und strengen Bildkompositionen entwickelte Wüsten, der sich diese grafische Technik seit 1927 selbst angeeignet hatte, eine zeitgemäße Ausdrucksform im sozialkritischen Geist der Neuen Sachlichkeit. Die Ergebnisse fanden weit über Görlitz hinaus Beachtung. Wüsten gab den Kupferstich auch an junge Künstlerinnen und Künstler weiter. Als er 1933 vor den Nationalsozialisten fliehen musste, ging eine entscheidende Epoche der Görlitzer Kunstgeschichte abrupt zu Ende.

Kunst in der Zeit des Nationalsozialismus
Die in den Jahren der Weimarer Republik entstandene Kunstszene erlebte während des Nationalsozialismus ihren Niedergang. Wie überall im Reich wurden die Arbeits- und Ausstellungsmöglichkeiten stark reglementiert. Im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ wurden auch im Görlitzer Museum Werke beschlagnahmt und zerstört. Prägende Künstlerpersönlichkeiten verließen die Stadt; andere versuchten, sich dem Zugriff der neuen Machthaber zu entziehen. Aber es gab auch Künstler, die mit dem Nationalsozialismus offen sympathisierten, in der Gunst der Machthaber standen und mit öffentlichen Aufträgen bedacht wurden. Im Vergleich mit vorherigen und nachfolgenden Epochen sind jedoch vergleichsweise wenige Arbeiten von Görlitzer Künstlern aus der Zeit des Nationalsozialismus überliefert. Kunstwerke, die sich in öffentlichem Besitz befanden, wurden nach 1945 systematisch vernichtet.

Kunst in den Jahren der DDR
Nach 1945, als Künstlerinnen und Künstler aus Niederschlesien als Flüchtlinge in die Stadt kamen und einen Neuanfang versuchten, erlebte die Kunst in Görlitz und Umgebung noch einmal eine Blütezeit. Die Lage am östlichen Rand der DDR eröffnete in den 1950er Jahren die Möglichkeit, künstlerische Positionen zu vertreten, die in den Zentren des Landes von der Kulturpolitik bereits sanktioniert wurden. Langfristig wirkte sich die Randlage der Stadt allerdings nachteilig auf die Kunstszene aus. Die traditionsreichen Verbindungen nach Breslau und Schlesien waren gekappt, Kontakte zu polnischen Künstlern wuchsen nur langsam. Spätestens seit Beginn der 1960er Jahre verlor Görlitz als Ort der Künste an Bedeutung. Junge Künstler kehrten nach ihrer Ausbildung immer seltener in die östliche Oberlausitz zurück. Nichtsdestotrotz gab es einen regen Ausstellungsbetrieb durch die damaligen Städtischen Kunstsammlungen und die 1981 vom Kunsthandel der DDR gegründete „Galerie am Schönhof“.

In Bewegung – Kunst der Gegenwart
Heute hat Görlitz an der Kunst der Gegenwart eher einen rezipierenden als einen produzierenden Anteil. Nur wenige Künstler können dauerhaft in der Stadt arbeiten, da Galerien und ein lokales Sammlerpublikum weitgehend fehlen und der globale Kunstmarkt kleinere Städte kaum beachtet. Dafür sind heute weltweit namhafte Künstlerinnen und Künstler tätig, deren Wurzeln in Görlitz und Umgebung liegen. Ihre Werke knüpfen oft mit neuen Perspektiven an die Traditionen der Neißestadt an. Aus der Wiederbelebung der historischen Verbindungen nach Dresden und Breslau erwächst für Görlitz die Chance und Aufgabe, der Ort zu sein, an dem Positionen der zeitgenössischen Kunst aus Deutschland und Polen aufeinandertreffen und in einen Dialog treten können.