Geschichte

Zur Verteidigung der Stadt gab es in Görlitz einstmals 32 Basteien, davon sind heute noch vier erhalten. Eine davon ist der Kaisertrutz.

Die große Bastei vor dem Reichenbacher Tor
Die Entstehung dieses markanten Gebäudes ist im ausgehenden 15. Jahrhundert datiert. Der Görlitzer Rat ließ in dieser politisch unruhigen Zeit die Stadtbefestigung auf der Westseite verstärken, denn durch das Reichenbacher Tor gelangte der Verkehr von der Hohen Straße (via regia) aus in die Stadt.
Zur Sicherung des Torbereiches war bereits im 14. Jahrhundert der Reichenbacher Turm errichtet worden, der ab 1490 aufgestockt und durch eine vorgelagerte Bastei ergänzt wurde.
Zwei Mauern mit gedeckten Wehrgängen und Schussöffnungen verbanden dieses Bollwerk mit dem Turm, auf der (westlichen) Feldseite war der Bau von einem Graben und einem Wall umgeben. Die Bauarbeiten dürften um 1500 abgeschlossen gewesen sein. Entstanden war eine deutschlandweit einzigartige Geschützbastei nach den modernsten Gesichtspunkten der Fortifikationsarchitektur: auf einem kreisrunden Grundriss erhebt sich das anfangs als „Rondell“ bezeichnete Gebäude. In dessen Mitte befindet sich ein kleiner Hof, darin steht ein massiver, schlanker Turm.

Goerlitz von der AbendseiteDie vier Stockwerke waren so dimensioniert, dass im Angriffsfall Kanonen und Hakenbüchsen in Stellung gebracht werden konnten. Über die dem Innenhof zugewandten Öffnungen konnte der Pulverrauch der feuernden Geschütze abziehen. Der Turm diente vermutlich als Beobachtungsposten sowie Feuerleitstand, von dem aus die Schützen dirigiert werden konnten. Für Verteidigungszwecke genutzt, wurde der Kaisertrutz tatsächlich nur während des Dreißigjährigen Krieges.
Als 1641 Truppen Kaiser Ferdinands II. das von den Schweden besetzte Görlitz belagerten, erwehrten sich die schwedischen Verteidiger in der Bastei des Reichenbacher Tores hartnäckig und erfolgreich der anstürmenden kaiserlichen Truppen. Daraufhin erhielt das Rondell den Namen „Kaisertrutz“.

Stadtwache und Gefängnis
Nach dem Dreißigjährigen Krieg verlor der Kaisertrutz seine Funktion als Verteidigungsanlage. Das geräumige Gebäude wurde zum Lagerplatz; zeitweise waren Teile des Ratsarchivs hier deponiert.
Die Entstehung neuer Industriezweige bewirkte ein rasantes Wachstum der Stadt über ihre mittelalterlichen Grenzen hinaus. Um Platz zu schaffen, wurden seit den 1830er Jahren Befestigungsanlagen abgebrochen. Auch der Abriss des Kaisertrutzes stand zu Disposition.
Dagegen intervenierte der preußische König Friedrich Wilhelm IV., der seine landesherrlichen Hoheitsrechte über die Frage der Verteidigung gefährdet sah und auch den Untergang wertvoller Bausubstanz befürchtete.
Zu dieser Zeit änderten sich die rechtlichen Rahmenbedingungen für das Militär in Görlitz. Die Stadtverteidigung und -wache gingen vom Görlitzer Rat an den Staat über. Die Stadt Görlitz und die östliche Oberlausitz gehörten seit 1815 zum Königreich Preußen, dessen Militärverwaltung im 19. Jahrhundert reformiert wurde. Aufgrund der Grenznähe zu Sachsen und Österreich-Ungarn wurde die Neißestadt  Garnisonsstandort. Dafür wurden entsprechende Gebäude, darunter auch der Kaisertrutz, beansprucht. Der Übergang in preußisches Staatseigentum rettete ihn vor dem Abbruch.
Zwischen 1848 und 1850 wurden der Rundbau und der Turm im Innenhof um ein Stockwerk erhöht. Zeitgleich wurde an der Ostseite eine neue Schaufassade mit repräsentativer Vorhalle und zwei turmartigen Eckbauten errichtet.
Die architektonische Gestaltung lehnt sich an die historische Substanz des Gebäudes an und nimmt dessen martialisches Erscheinungsbild auf. Im erneuerten Kaisertrutz fanden fortan die Görlitzer Hauptwache, das Zeughaus und das Militärgefängnis ihren Platz.

Museumsgebäude
Noch bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges hinein wurde der Bau als Militärgefängnis genutzt. In den frühen 1920er Jahren wechselte das Gebäude zurück in das Eigentum der Stadt Görlitz.
Der Direktor des Görlitzer Kaiser-Friedrich-Museums, Ludwig Feyerabend, forcierte ab 1927 die Idee, den Kaisertrutz als Museumsgebäude zu nutzen. In der 1902 am östlichen Neißeufer errichteten Oberlausitzischen Gedenkhalle (heute Dom Kultury in Zgorzelec) – dem Haupthaus des Museums – herrschte akuter Platzmangel, so dass nach einem zweiten Standort gesucht wurde. Trotz der schlechten wirtschaftlichen Lage entschloss sich die Stadt in den 1920er Jahren zur Schaffung eines modernen Ausstellungsgebäudes. 1932 wurden die Umbauarbeiten abgeschlossen und das neue Kaisertrutz-Museum konnte eingeweiht werden. Anfangs auf zwei, später auf drei Etagen fanden die ur- und frühgeschichtliche Abteilung und Zeugnisse der Görlitzer Stadtgeschichte ihren Platz. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges musste der Kaisertrutz geschlossen und ein Teil der Bestände ausgelagert werden. Im Museum verbliebene Objekte fielen in der Nachkriegszeit Plünderungen zum Opfer.
Da der Kaisertrutz von Kriegsschäden verschont geblieben war, konnten ab 1946 wieder Ausstellungen veranstaltet werden. Im obersten Geschoss des Hauses wurde eine neue Gemäldegalerie mit Meisterwerken des 19. und 20. Jahrhunderts eingerichtet. Auch die stadtgeschichtliche Ausstellung wurde damals neu gestaltet und erweitert. Seit 2000 diente das Erdgeschoss als Raum für Sonderausstellungen. In dieser Form blieb der Kaisertrutz bis ins Jahr 2008 in Nutzung. Gravierende bauliche Mängel sowie eine fehlende Heizungsanlage erforderten eine grundlegende Sanierung und Renovierung.

Nach deren Abschluss veranstaltete der Freistaat Sachsen 2011 im Kaisertrutz die 3. Sächsische Landesausstellung „via regia. 800 Jahre Bewegung und Begegnung“. Seit Juli 2012 ist das Kulturhistorische Museum wieder in das Gebäude eingezogen und präsentiert dort in der Dauerausstellung die kulturgeschichtliche Entwicklung von Stadt und Region „Von der Steinzeit bis zur friedlichen Revolution im Herbst 1989 und dem Ausblick auf den Neuanfang.

Zeittafel
1427
wurde im Bereich älterer vorstädtischer Holzgebäude (Scheunen) eine „sehr starke Befestigungsanlage“ als Teil des Budissiner (Bautzener) bzw. Reichenbacher Tores errichtet.

1490 Bau des „großen Reichenbacher Rondells“ (später: Kaisertrutz)

1641 im Dreißigjährigen Krieg erhielt der Kaisertrutz seinen Namen. Die Stadt wurde von den Schweden besetzt und „trotzte“ den kaiserlichen und sächsischen Truppen während einer mehrwöchigen Belagerung.

1848 Umbau zur Hauptwache der preußischen Garnison

1932 Eröffnung der Ausstellungen zur Stadtgeschichte und Ur- und Frühgeschichte der Oberlausitz des Kaiser-Friedrich-Museums

1948 Wiedereröffnung des Kaisertrutzes

1998 bis 1999 Beräumung des verfüllten Untergeschosses und Freilegung von Fundamenten eines Holzbrunnens aus dem 13. Jahrhundert

2001 Schließung der Gemäldegalerie aufgrund statischer Probleme

2009 Beginn der Sanierung

2011 3. Sächsische Landesausstellung in Görlitz zum Thema „via regia. 800 Jahre Bewegung und Begegnung“

2012 Teileröffnung der neuen Dauerausstellung zur Kulturgeschichte der Stadt Görlitz und der östlichen Oberlausitz von 12.000 v.Chr. bis 1815

2013 Eröffnung der kulturgeschichtlichen Dauerausstellung von 1815 bis 1990

2015 Eröffnung der Galerie der Moderne